Die sechs Temperaturwasser des Valentin Boltz von Ruffach

Boltz von Ruffach hat uns in seinem kleinen Illuminierbüchlein sechs Rezepte für Temperaturwasser hinterlassen. In den im Buch enthaltenen Farbrezepten, verweist er dann darauf, welches jeweilige Temperaturwasser für welche Farbe zu verwenden ist.

Was zum einen mit Unverträglichkeiten von einigen Stoffen untereinander zu tun hat und zum anderen mit den Eigenschaften der einzelnen Gummiarten.

So vertragen z.B. Mennige, Bleigelb, Parisrot, Reagal, Auripigment, Lack, Ocker oder Berggrün kein Gummi Arabicum. Auch bei der Verwendung von auf Brasilholz basierenden Farben, die mit Lauge zubereitet wurden, rät Boltz von der Verwendung von Gummi Arabicum ab.

Irritierenderweise empfiehlt Boltz bei einigen Brasilholzfarben die mit Lauge zubereitet wurden, diese mit Gummi arabicum anzureiben.

Einige Erfahrung müssen wir wahrscheinlich selbst machen. Hier die sechs Temperaturwasserrezepte.

Die erste gattung

Gummi arabicum, Gummi Tragant – Temperaturwasser

Das erst vnd best Temperaturwasser mach also Nim ein lot Gummi arabici, vnn einer halben boum nussen gross Gummi traganti, thu es in ein suber geschirr oder nüwes häfelin, güss luter brunnwasser darüber, zweyer zwerch Finger hoch. lass es also zugedeckt stan iiij tag lang, dz es wol erweiche.

Darnach nim ein subers höltzlin vnd rür es wol durcheinander, setz es zu einem kleinen glütlin, lass es erhitzigen, aber nit sieden. Rür es on vnderlass, das die klotzen wol zergandt, thu es vom für, lass es erkalten.

Nim vnd strichs durch ein suber lynin tuch, schütt dan wider luter wasser daran, dass es dün werd als boumöl. Güss es in ein subers glass, das vermach oben wol zu vor stoub. Nim vnd mach ein holtz brächin wie man den win bricht, vnd brichs darmit alle tag im glass so offt du magst, darmit die matery wol durcheinander veriäss, dann vrsach d’Gummi traganti schwimpt gar gern empor eh dann er recht verfulet oder veraltet, dan je elter er in diser temperatur ist, je besser er würd.

Wan du dan merckst, das die temperatur noch starck vnn kleberig ist, so thu alwegen mehr luter wasser daran.

Wann es dann gar eraltet, so würt es luter, vnd sitzt der Tragant zeboden. Mit disem wasser hab ich mine farben gar liecht vnd schön behalten. Dan die Gummi Arabici macht für sich selbst allein, die farben tunckel vnd trüb.

Darmit temperier deine farben, vnd so sy dir etwan intrücken, so mach sy wider an mit eim lutern wasser, sy werden sunst vom Tragant zu feist. Ob du aber vermercktest das die farb mitler zyt nit wol hafften wolt, als dann so güss wider die temperatur daran, so behaltestu schön farben.

Das erste und beste Temperaturwasser, mache wie folgt. Nimm 16.6 Gramm Gummi arabicum und so viel Gummi Traganth, das es der Größe einer halben Walnuss entspricht (ca. 6 Gramm). Tu das Gummi in einen sauberen Topf und gieße zwei Finger breit sauberes Brunnenwasser darüber. Lege einen Deckel auf den Topf und lasse es vier Tage lang stehen, damit der Gummi sich gut an löst.
Nach den vier Tagen stelle den Topf auf den Herd und erhitze das Gemisch bei kleiner Flamme. Aber lass es nicht kochen. Rühre es dabei ständig mit einem Holzlöffel um, bis sich alle Gummistücken aufgelöst haben. Anschließend nimm es vom Herd und lass es abkühlen.
Wen es erkaltet ist, gieße die Flüssigkeit durch ein sauberes Leinentuch in ein Glas und gib solange Wasser hinzu, bis das Gemisch die Konsistenz von Öl hat. Verschließe das Glas gut, damit kein Staub hinein kommt. Da das Gummi Traganth sich gern am Boden absetzt, rühre die Flüssigkeit zwischendurch immer wieder gut durch. Je älter das Temperaturwasser wird, umso besser wird es. Sollte das Wasser darin mit der Zeit etwas verdunsten und das Temperaturwasser damit zähflüssiger werden, gib einfach etwas Wasser hinzu.

Zutaten: Gummi arabicum 16,6 Gramm, Gummi Traganth ca. 6 Gramm, ca. XX ml Quell-, oder Brunnenwasser.

Ob das Verhältnis von Bindemittel und Wasser das rechte ist, kann ganz einfach getestet werden. Reibe etwas Farbe mit dem Temperaturwasser an, male damit einen Strich auf Deine Hand und lasse es trocken. Kannst Du die Farbe dann mit einem Finger leicht von Deiner Hand wischen, ist zu viel Wasser in dem Gemisch (lasse es einfach offen stehen, vielleicht mit einem dünnen Tüchlein abgedeckt damit kein Staub eindringt, und so etwas Wasser verdampfen). Lässt sich die trockene Farbe nicht einfach von der wischen ist genug Gummi in dem Gemisch. Dann öffne und schließe Deine Hand, reißt die Farbe dabei und blättert ab, ist zu wenig Wasser in dem Gemisch. Gib etwas Wasser hinzu.

Das Ander

Pergmentleim – Temperaturwasser

Nim perment lym, der wiss vnnd liecht ist, den find man by den Bermenteren. Leg einer halben nussen gross ongeforlich in luter brunnen wasser,  thu daran iiiJ tropffen gelutert honig, lass es also stan vnd weichen ein tag vnd ein nacht.

Darnach thu es in ein suberss kleins häflein, setz es zum für, lass es sittiglich erhitzigen, aber nit sieden, güss zimlich wasser daran, dann der perment lym ist gar schützig, rür es wol vund vil durcheinander mit einem stäcklin, des es wol zergang, setz es vom für,  lass es erkalten, sych es durch ein tuch, in ein subers glass, thu ein wenig rosswasser daran, vnn wen du es bruchen wilt, vnd gestanden ist, so heb dz glass in ein warm wasser, solang bis die Temperatur zergadt, dann so bruchs zu disen nachverzeichneten farben, die mögen den Gummi arabicum nit wol dulden, dann sy bäyen sich darab vnd gond nit von stat, nemlich: Minnen, Plygeel, Parissrodt, Ruschgäl, Auripigment, Lac, Oger, Berg grien

Nimm ein Stück hellen Pergamentleim von der ungefähren Größe einer halben Walnuss, leg es in reines Quellwassern und tu vier Tropfen reinen Honig hinzu. Lass das ganze 24 Stunden lang weichen.
Danach gieße die Mischung in einen sauberen Topf, setze sie auf den Herd und erhitze sie unter permanentem Rühren. Lass das Gemisch ordentlich heiß werden, aber nicht kochen.
[Da der Pergamentleim viel Wasser zieht, gieße immer wieder Wasser nach.]
Wenn sich der Pergamentleim im Wasser völlig aufgelöst hat, nimm ihn vom Herd und gieße die Flüssigkeit durch ein Tuch in ein sauberes Glas. Füge ein wenig Rosenwasser hinzu und lass das Gemisch erkalten.
Willst Du die Temperatur nutzen willst, setze das Glas mit der Pergamentleimtemperatur in ein Wasserbad und erhitze sie bis die Temperatur sich verflüssigt. Benutze dieses Temperaturwasser wenn Du Mennige, Bleigelb, Parisrot, Reagal, Auripigment, Lack, Ocker oder Berggrün verarbeitest. Da diese Farben kein Gummi arabicum vertragen.

Zutaten: Ein Stück Pergamentleim von der Größe einer halben Walnuss, vier Tropfen Honig, etwas Rosenwasser und sauberes Quell-, oder Brunnenwasser.

Die Dritte

Gummi arabicum, Kirschgummi – Temperaturwasser

Nim Gummi arabicum der schön und luter ist ij. theyl, vnd Gummi cerasarum, das ist kriessböumen hartz, den dritten theyl, güss suber brunwasser daruber zweyer zwerch finger hoch, lass es tag vnnd nacht stan.

Darnach setz es zu einem glütlin, lass es sittiglichen erwarmen, aber nit sieden.

Rür es stätigs vmm einander mit einem stecklin. Wann es wol heiss ist, so hebs hindan, vnd güss einer bonen gross gelütert honig daran, vnn wenig rosswasser.

Wan es dan lauw ist worden, so syhe es durch ein rein lynin thuch, nit zu dick noch gar zu dünn, nach dem ougen mess, thu es in ein gütterlin vnd bruchs.

Nimm 20 Gramm Gummi arabicum der sauber und hell ist und 10 Gramm Kirschgummi. Tu beide in einen Topf und gieße soviel sauberes Quell-, oder Brunnenwasser dazu, das es zwei Fingerbreiten hoch im Topf steht.
Lasse das Gemisch 24 Stunden lang stehen. Danach setze es auf den Herd und erhitze es, lass es aber nicht kochen. Rühre es dabei ständig mit einem Holzlöffel um. Wenn es schön heiß ist, nimm es vom Herd und füge eine Walnuss-große Menge Honig und etwas Rosenwasser hinzu. Wenn es soweit abgekühlt ist das es nur noch lauwarm ist, gib Wasser hinzu bis die Flüssigkeit die Konsistenz von Öl hat. Anschließend gieße das Temperaturwasser durch ein Leinentuch in ein sauberes Glas und verschließe es gut.

Zutaten: 20 Gramm Gummi arabicum, 10 Gramm Kirschgummi, Quell-, oder Brunnenwasser, eine Walnuss-große Menge Honig und etwas Rosenwasser.

Die vierdte

Gummi Arabicum, Mandelgummi – Temperaturwasser

Nim Gummi arabicum j. lot, vnd ij. quintli Gummi amigdalarum, das ist mandelböumen hartz, güss darüber luter brun wasser, lass es stan iiij. tag.

Darnach werme es sitlich by einer glüt das es nit siede. Rühre es stätigs mit einem suberen stecklin. Syh es durch ein thuch in ein glass, güss ein nuss schal vol Rosswasser darin, vnn vermachs wol, vnn bruch also darvon.

Nimm 16.6 Gramm Gummi arabicum und 7,4 Gramm Mandelgummi. Gieße darüber sauberes Quell-, oder Brunnenwasser und lasse das Gemisch vier Tage lang stehen.
Anschließend erwärme die Mischung auf dem Herd, lasse sie aber nicht kochen. Rühre die Flüssigkeit während dessen ohne Unterlass mit einem Holzlöffel um. Ist die Flüssigkeit gut warm, nimm sie vom Herd und gieße sie durch ein Tuch in ein Glas. Gib eine der Größe einer Walnussschale entsprechende Menge Rosenwasser hinzu und verschließe das Gefäß gut. Benutze das Temperaturwasser wenn Du es brauchst.

Zutaten: 16,6 Gramm Gummi arabicum, 7,4 Gramm Mandelgummi, eine Wallnuss-große Menge  Rosenwasser, sauberes Quell-, oder Brunnenwasser.

Die fünffte gattung – Genent Albumen

Eiklar, Gummi Arabicum – Temperaturwasser

Nim dass wiss von zweyen eyeren, vnd thü den vogel daruss, vnd nim ein lange ganss feder, spaltt den kengel in viere, das es werd wie ein winbräche.

Güss das eyer glar in ein becher, vnd brichs mit der Feder brechy, biss dz es gar ytel schum wird, vnd kein füchty mehr am Boden syg, lass es dan also stan tag vnd nacht.

Darnach nim diss wasser von schum, vnd güss es vber lutern reine Gummi arabici ein halb lot. Thu darzu einer bonen gross geluterten honig.

Güss ein löffel vol Rosswassers daran, oder wiss gilgen wasser. Das behaltet das wasser vor gstanck. Behalt diss wasser in einem suberen glass wol vermacht, dz kein stoub darin kumm.

Rür es aber mit einem stecklin vorhin ehe du es ins glass thust, dz die clotzen wol zergangen.

Nimm zwei Eier, entferne das Eigelb und tue das Eiklar in einen Becher. Quirle das Eiweiß solange, bis es nur noch aus Schaum besteht. Lasse den Schaum über Nacht stehen. Am nächsten Tag hat sich unter dem Schaum Flüssigkeit abgesetzt. Gieße diese Flüssigkeit über 8,3 Gramm Gummi arabicum und füge dem eine halbe Walnuss große Menge geläuterten Honig hinzu. Verrühre das ganze bis sich das Gummi arabicum aufgelöst hat. Füge einen Löffel Rosenwasser, oder weißes Schwertlilienwasser hinzu, das bewahrt das Gemisch vor Gestank.
Fülle die Mischung in ein Glas und verschließe es gut.

Zutaten: Zwei Eier, 8,3 Gramm Gummi arabicum, eine Walnuss große Menge Honig, etwas Rosen-, oder weißes Schwertlilienwasser.

Die sechsste gattung

Gummi Arabicum, Kirschgummi, Bitumen, Myrrah – Temperaturwasser

Temperatur wasser zu allen farben, das sy schön vnd stät bliben

Nim ij. lot Gummi arabicum, ij. lot Gummi cerasarum vnd j. quintlin bitumen, vnn j. quintlin wisse Myrrha die luter syg. Dise vier stuck zerstoss, vnd güss darüber ein fiertel einer mass wassers.

Lass es also weichen, biss es wol zergadt, rürss alle mal wol durcheinandern, thü darunder zwo eyer schalen voll wissen essichs.

Setz es zu einer kol, lass es sitlich erwallen. Hebbs ab vnd lass es erkalten, syhe es durch ein tuch in ein glass. Temperier darmit wass du wilt.

Nimm 33,2 Gramm Gummi arabicum, 33,2 Gramm Kirschgummi, 3,7 Gramm Bitumen und 3,7 Gramm helles Gummi Myrrah. Zerstoße all das in einem Mörser, fülle es in einen Topf und gieße 375 ml sauberes Quell-, oder Brunnenwasser darüber.
Lass es solange stehen, bis alles Gummi darin zergangen ist und rühre die Mischung bis dahin zwischendurch immer wieder um. Ist das Gummi zergangen. füge die Menge von zwei Wallnussschalen voll Essig hinzu, stelle die Flüssigkeit auf den Herd und bringe sie unter ständigem Rühren zum köcheln. Anschließend nimm sie vom Herd und lasse sie abkühlen. Abschließend wird die Flüssigkeit durch ein Tuch in ein Glas gegossen.

Zutaten: 33,2 Gramm Gummi arabicum, 33,2 Gramm Kirschgummi, 3,7 Gramm Erdpech, 3,7 Gramm helles Gummi Myrrah, 375 ml sauberes Quell-, oder Brunnenwasser, zwei Wallnussschalen Essig.

Temperaturwasser

Als Temperaturwasser wird eine Art von Bindemitteln bezeichnet, das in der Buchmalerei neben Eiklar am häufigsten verwendet wird. Es hat die Aufgabe dafür zu sorgen, das die Pigmente und Farbstoffe beim malen am Maluntergrund haften bleiben. Wobei der Begriff Temperaturwasser noch nichts genaues über dessen Bestandteile aussagt. Außer das ein Teil von ihm aus Wasser besteht.  Über das enthaltene Baumharz, bzw. den verwendeten Leim, sagt der Begriff jedoch noch nichts aus.
Der Name Temperaturwasser kommt vom lateinischen temperare‎ „in das richtige Maß, den richtigen Zustand bringen“, bedeutet.
Im allgemeinen bestehen Temperaturwasser aus Wasser dem ein „Klebemittel“ wie Baumharz hinzugefügt wird. Das einfachste Temperaturwasser besteht aus Wasser und Gummi Arabicum, das in einem Verhältnis miteinander gemischt wird, das es die Konsistenz von Öl hat.
Oft werden diesem einfachen Temperaturwasser noch andere Stoffe hinzugefügt. Wie andere Baumharze oder Honig, die der Farbe mehr Flexibilität verleihen sollen, oder Essig der Schimmelbildung hemmt.

Es gibt jedoch noch weitere Arten von Bindemittel. Was abgesehen von den Vorlieben des Malers, auch mit der Verträglichkeit von Stoffen untereinander zu tun hat. So vertragen einige Farben, wie z.B. Mennige, Bleigelb, Parisrot, Ruschgelb, Berggrün, Lack, Auripigment und Ocker, kein Gummi Arabicum.
In diesen Fällen muss das Gummi Arabicum durch einen anderen „Klebstoff“ ersetzt werden.
Bei Boltz von Ruffach finden sich Rezepte für sechs verschiedene Temperaturwasser. Mögliche Zusätze sind Gummi Arabicum, Kirschgummi, Gummi Tragant, Pergament Leim, Mandelbaumgummi und Hausenleim.